Die Gemeinschaftsschule ist die jüngste Schulform in Deutschland und gleichzeitig eine der am meisten diskutierten. Je nach Bundesland heisst sie Gemeinschaftsschule, Stadtteilschule, Oberschule oder Integrierte Sekundarschule. Das Grundprinzip ist überall dasselbe: Kinder unterschiedlicher Leistungsniveaus lernen gemeinsam, werden innerhalb der Klasse differenziert gefördert und können alle Schulabschlüsse erreichen, vom Hauptschulabschluss bis zum Abitur. Für Eltern, die sich eine Schule wünschen, die ihrem Kind alle Wege offenhält, ohne es nach der Grundschule in eine Schublade zu stecken, kann die Gemeinschaftsschule die richtige Wahl sein.

Was unterscheidet die Gemeinschaftsschule von der Gesamtschule?

Die Begriffe werden oft synonym verwendet, aber es gibt Unterschiede. Die Gesamtschule, wie sie seit den 1970er Jahren in vielen westdeutschen Bundesländern existiert, differenziert ab Klasse 7 in Kurse auf verschiedenen Niveaustufen: Erweiterungskurse (E-Kurse) und Grundkurse (G-Kurse). Diese äussere Differenzierung bildet im Grunde das dreigliedrige Schulsystem innerhalb einer Schule ab.

Die Gemeinschaftsschule verzichtet weitgehend auf diese äussere Leistungstrennung. Stattdessen setzt sie auf innere Differenzierung: Alle Kinder sitzen im selben Klassenraum, aber sie arbeiten auf unterschiedlichen Niveaustufen. In Baden-Württemberg gibt es drei Niveaus: G (grundlegend, führt zum Hauptschulabschluss), M (mittel, führt zum Realschulabschluss) und E (erweitert, führt zum Abitur). Das Kind kann in verschiedenen Fächern auf verschiedenen Niveaus arbeiten und zwischen den Niveaus wechseln, ohne die Klasse oder die Schule zu wechseln.

Ein weiterer Unterschied: Die Gemeinschaftsschule kann eine Grundschule einschliessen. In Baden-Württemberg und Thüringen umfasst sie die Klassen 1 bis 10 oder sogar 1 bis 13. Die Gesamtschule beginnt dagegen erst nach der Grundschule. In mehreren Bundesländern sind beide Schulformen mittlerweile zu einer zusammengeführt worden: In Schleswig-Holstein heisst die einzige Alternative zum Gymnasium seit 2010 Gemeinschaftsschule. In Hamburg heisst sie Stadtteilschule, in Bremen Oberschule.

Wo gibt es Gemeinschaftsschulen?

Die Verbreitung ist von Bundesland zu Bundesland extrem unterschiedlich:

Baden-Württemberg: Rund 300 öffentliche Gemeinschaftsschulen, eingeführt seit dem Schuljahr 2012/2013. Die Gemeinschaftsschule ist hier eine eigene Schulform neben Gymnasium, Realschule und Werkrealschule. Acht Gemeinschaftsschulen haben eine eigene gymnasiale Oberstufe.

Schleswig-Holstein: Rund 180 Gemeinschaftsschulen, davon 44 mit eigener Oberstufe. Seit 2010 gibt es neben dem Gymnasium nur noch die Gemeinschaftsschule. Haupt- und Realschulen wurden abgeschafft.

Berlin: Die Integrierte Sekundarschule (ISS) funktioniert nach dem Gemeinschaftsschulprinzip. Daneben gibt es seit 2018 Gemeinschaftsschulen als Pilotprojekt, die Grundschule und Sekundarstufe verbinden.

Saarland: Seit 2012 gibt es neben dem Gymnasium nur die Gemeinschaftsschule. Alle früheren Erweiterten Realschulen und Gesamtschulen wurden umgewandelt.

Thüringen: Gemeinschaftsschulen als Alternative neben Regelschule und Gymnasium, mit dem Ziel, gemeinsames Lernen bis mindestens Klasse 8 zu ermöglichen.

Sachsen: Einführung von Gemeinschaftsschulen seit 2020 als Ergänzung zum bestehenden Zwei-Säulen-Modell (Oberschule und Gymnasium). Die Zahl wächst, ist aber noch gering.

In Bayern gibt es faktisch keine Gemeinschaftsschulen. In NRW und Niedersachsen heisst die entsprechende Schulform Gesamtschule und folgt einem etwas anderen Konzept mit äusserer Fachleistungsdifferenzierung.

Wie funktioniert der Unterricht?

Das Herzstück der Gemeinschaftsschule ist die individuelle Förderung. Statt Frontalunterricht für alle auf dem gleichen Niveau setzen Gemeinschaftsschulen auf verschiedene Methoden, die es ermöglichen, innerhalb einer Klasse auf unterschiedlichen Stufen zu arbeiten:

Lernpläne und Kompetenzraster: Jedes Kind weiss, an welchen Themen es gerade arbeitet und auf welchem Niveau. Die Lehrkraft gibt individuelle Aufgaben und überprüft den Fortschritt regelmässig.

Lernbüros oder Lernateliers: In vielen Gemeinschaftsschulen gibt es feste Zeiten, in denen die Kinder eigenständig an ihren Aufgaben arbeiten. Die Lehrkraft steht als Lernbegleiter zur Verfügung, aber das Kind bestimmt weitgehend selbst, woran es arbeitet. Das setzt Selbstständigkeit voraus, die nicht jedes Kind von Anfang an mitbringt.

Coaching-Gespräche: Regelmässige Einzelgespräche zwischen Lehrkraft und Schüler über den Lernstand, Ziele und Herausforderungen. In Baden-Württemberg ist jeder Schüler einer Gemeinschaftsschule einem festen Lerncoach zugeordnet.

Teamteaching: In den Kernfächern unterrichten häufig zwei Lehrkräfte gemeinsam, um die unterschiedlichen Niveaus besser abdecken zu können. An gut ausgestatteten Gemeinschaftsschulen kommen auch Sonderpädagogen dazu.

Noten werden an vielen Gemeinschaftsschulen erst ab Klasse 7 oder 8 vergeben. In den Klassen darunter erhalten die Kinder ausführliche Lernentwicklungsberichte. Ob das ein Vorteil oder Nachteil ist, hängt davon ab, wie Ihr Kind mit Leistungsrückmeldungen umgeht. Manche Kinder brauchen die Klarheit einer Note, andere profitieren von der differenzierteren Beschreibung.

Welche Abschlüsse sind möglich?

An der Gemeinschaftsschule können alle Schulabschlüsse erreicht werden: der Hauptschulabschluss nach Klasse 9, der Mittlere Schulabschluss (Realschulabschluss) nach Klasse 10 und das Abitur nach Klasse 13. Welcher Abschluss am Ende steht, hängt davon ab, auf welchem Niveau das Kind in den letzten Schuljahren gearbeitet hat.

Für das Abitur gibt es zwei Wege: Entweder die Gemeinschaftsschule hat eine eigene gymnasiale Oberstufe, oder das Kind wechselt nach Klasse 10 an ein allgemeinbildendes oder berufliches Gymnasium. Der Wechsel ist möglich, wenn die Leistungen auf dem E-Niveau liegen und die Zugangsvoraussetzungen erfüllt sind.

In der Praxis machen an Gemeinschaftsschulen ohne eigene Oberstufe die meisten Schüler den Mittleren Schulabschluss. An Gemeinschaftsschulen mit Oberstufe variieren die Abiturquoten stark, je nach Standort und Schülerzusammensetzung.

Für wen eignet sich die Gemeinschaftsschule?

Kinder, deren Leistungsprofil ungleichmässig ist: Ein Kind, das in Deutsch auf Gymnasialniveau arbeitet, aber in Mathematik eher auf Realschulniveau, kann an der Gemeinschaftsschule in beiden Fächern auf seinem Niveau gefördert werden, ohne die Klasse oder die Schule zu wechseln.

Spätentwickler: Kinder, die mit zehn Jahren noch nicht zeigen, was in ihnen steckt, bekommen an der Gemeinschaftsschule mehr Zeit. Die Entscheidung über den Abschluss fällt nicht nach der 4. Klasse, sondern erst in der 8. oder 9. Klasse.

Familien, die keinen Leistungsdruck wollen: Die Gemeinschaftsschule nimmt den Übertritts-Stress nach der Grundschule komplett raus. Es gibt keine Notenhürde, keine Empfehlung, die den Weg vorgibt. Ihr Kind kann alle Abschlüsse machen, die Entscheidung wird nach hinten verschoben.

Familien in ländlichen Regionen: In Gegenden mit sinkenden Schülerzahlen ist die Gemeinschaftsschule oft die einzige weiterführende Schule vor Ort. Sie bündelt alle Bildungsgänge und verhindert, dass Kinder lange Schulwege auf sich nehmen müssen.

Was sind die Kritikpunkte?

Sorge um das Leistungsniveau: Der häufigste Einwand: Wenn alle Kinder zusammen lernen, orientiert sich das Niveau nach unten. Die Forschungslage ist dazu nicht eindeutig. Studien aus Baden-Württemberg zeigen, dass leistungsstarke Kinder an Gemeinschaftsschulen ähnliche Ergebnisse erzielen wie am Gymnasium, allerdings nur bei guter Unterrichtsqualität und ausreichend Personal. An schlecht ausgestatteten Schulen kann das Niveau tatsächlich leiden.

Hoher Personalaufwand: Innere Differenzierung funktioniert nur mit genug Lehrkräften. Wenn eine einzelne Person 28 Kinder auf drei Niveaustufen unterrichten soll, ist das eine Überforderung. Gemeinschaftsschulen brauchen mehr Stunden, mehr Material und mehr Räume als herkömmliche Schulformen.

Uneinheitliche Qualität: Da jedes Bundesland die Gemeinschaftsschule anders definiert und jede Schule eigene Schwerpunkte setzt, ist die Bandbreite enorm. Eine exzellente Gemeinschaftsschule in Schleswig-Holstein funktioniert ganz anders als eine in Baden-Württemberg. Der Name allein sagt wenig über die Qualität.

Wahrnehmung als "Restschule": In manchen Regionen leidet die Gemeinschaftsschule unter dem Image, dass leistungsstarke Kinder aufs Gymnasium gehen und der Rest auf die Gemeinschaftsschule. Dieses Problem teilt sie mit der früheren Gesamtschule und lässt sich nur lösen, wenn die Gemeinschaftsschule so attraktiv ist, dass auch Gymnasialeltern sie in Betracht ziehen.

Ganztagsschule als Standard

Gemeinschaftsschulen sind in allen Bundesländern als Ganztagsschulen konzipiert. Der Unterricht erstreckt sich in der Regel bis in den Nachmittag, Mittagessen und Freizeitangebote gehören dazu. In Baden-Württemberg ist die gebundene Ganztagsform für Gemeinschaftsschulen in der Sekundarstufe I vorgeschrieben, in den meisten anderen Bundesländern gibt es offene Ganztagsangebote.

Für berufstätige Eltern ist das ein klarer Vorteil. Für Familien, die den Nachmittag lieber selbst gestalten, kann der verpflichtende Ganztag ein Nachteil sein. Prüfen Sie bei der Schulwahl, ob der Ganztag offen oder gebunden ist und wie der Nachmittag gestaltet wird.

Tipps für die Schulwahl

Besuchen Sie die Schule am normalen Unterrichtstag, nicht nur am Tag der offenen Tür. Schauen Sie, wie die innere Differenzierung in der Praxis aussieht. Arbeiten die Kinder tatsächlich auf verschiedenen Niveaus, oder sitzen alle am gleichen Arbeitsblatt?

Fragen Sie nach den Abschlussquoten. Wie viele Schüler machen den Hauptschulabschluss, wie viele den Realschulabschluss, wie viele wechseln aufs Gymnasium oder machen das Abitur an der eigenen Oberstufe? Diese Zahlen geben einen Hinweis auf das Leistungsspektrum der Schule.

Erkundigen Sie sich nach dem Coaching-System. Ein gutes Coaching, bei dem jeder Schüler regelmässig mit einer festen Bezugsperson über seinen Lernstand spricht, ist ein Qualitätsmerkmal. Fehlt dieses Element, fehlt oft auch die individuelle Begleitung, die die Gemeinschaftsschule verspricht.

Auf schulbewertung.net finden Sie Bewertungen und Erfahrungsberichte zu Schulen aller Schulformen in ganz Deutschland. In unserer Schultypen-Übersicht können Sie gezielt nach Gemeinschaftsschulen, Gesamtschulen und anderen Schulformen in Ihrer Region suchen. Unser Ratgeber Gesamtschule oder Gymnasium behandelt eine verwandte Fragestellung aus einer anderen Perspektive.