Hausaufgaben sind in vielen Familien das Thema, bei dem die Stimmung kippt. Eben noch war alles friedlich, dann sitzt das Kind am Schreibtisch, und innerhalb von zehn Minuten wird geweint, geschrien oder verhandelt. Das muss nicht so sein. Hausaufgaben lassen sich so organisieren, dass sie weder für Ihr Kind noch für Sie zum täglichen Kampf werden. Dieser Ratgeber zeigt, wie das gelingt.
Warum gibt es überhaupt Hausaufgaben?
Hausaufgaben haben im deutschen Schulsystem eine lange Tradition. Die Idee dahinter: Was im Unterricht gelernt wurde, soll zu Hause geübt und vertieft werden. Das Kind arbeitet eigenständig, ohne die Lehrkraft im Rücken, und lernt dabei Selbstorganisation und Durchhaltevermögen.
Ob Hausaufgaben tatsächlich den Lernerfolg steigern, ist in der Bildungsforschung umstritten. Für Grundschulkinder zeigen Studien kaum messbare Effekte auf die Schulleistung. In der Sekundarstufe sieht es anders aus: Dort profitieren Schüler durchaus davon, den Stoff zu Hause nachzuarbeiten, vorausgesetzt, die Aufgaben sind sinnvoll gestellt und nicht bloss Beschäftigungstherapie.
Unabhängig von der wissenschaftlichen Debatte sind Hausaufgaben in den meisten Bundesländern Pflicht. Lehrkräfte dürfen sie aufgeben, und Schüler müssen sie erledigen. Die Frage ist also weniger ob, sondern wie.
Wie viel Zeit ist angemessen?
Die Kultusministerkonferenz empfiehlt folgende Richtwerte: In den Klassen 1 und 2 sollten Hausaufgaben nicht länger als 30 Minuten dauern. In den Klassen 3 und 4 sind bis zu 60 Minuten vorgesehen. Ab der Sekundarstufe I gelten 60 bis 90 Minuten als Obergrenze, in der Oberstufe können es bis zu 120 Minuten sein.
Wenn Ihr Kind regelmässig deutlich länger braucht, ist das ein Signal. Entweder sind die Aufgaben zu umfangreich, Ihr Kind hat Verständnisprobleme, oder die Arbeitsbedingungen zu Hause stimmen nicht. In jedem Fall lohnt sich ein Gespräch mit der Lehrkraft. Statt zu sagen "Die Aufgaben sind zu viel" beschreiben Sie konkret: "Mein Kind sitzt jeden Tag 90 Minuten an den Hausaufgaben, obwohl die Empfehlung bei 30 Minuten liegt. Was können wir gemeinsam tun?"
Der richtige Zeitpunkt
Manche Kinder wollen die Hausaufgaben sofort nach der Schule erledigen, um danach frei zu haben. Andere brauchen erst eine Pause zum Abschalten, Spielen oder Bewegen. Beides ist in Ordnung. Was nicht funktioniert, ist Hausaufgaben um 19 Uhr, wenn Ihr Kind müde und unkonzentriert ist.
Finden Sie gemeinsam mit Ihrem Kind heraus, welcher Zeitpunkt am besten passt. Probieren Sie verschiedene Varianten aus und beobachten Sie, wann Ihr Kind am konzentriertesten arbeitet. Bei den meisten Grundschulkindern liegt das Konzentrationshoch am frühen Nachmittag, etwa zwischen 14 und 16 Uhr. Aber jedes Kind ist anders.
Wichtig ist vor allem Regelmässigkeit. Wenn die Hausaufgaben jeden Tag zur gleichen Zeit stattfinden, wird es zur Routine. Routinen reduzieren Diskussionen, weil nicht jedes Mal neu verhandelt werden muss, ob und wann angefangen wird.
Der richtige Arbeitsplatz
Ein ruhiger, aufgeräumter Arbeitsplatz hilft enorm. Das muss kein eigenes Arbeitszimmer sein. Der Küchentisch reicht völlig, solange während der Hausaufgaben kein Fernseher läuft, kein Geschwisterkind daneben tobt und das Smartphone nicht griffbereit liegt.
Sorgen Sie dafür, dass alles bereitliegt, was Ihr Kind braucht: Stifte, Hefte, Lineal, Radiergummi. Klingt banal, aber die Hälfte aller Hausaufgabenunterbrechungen entsteht, weil ein Kind aufsteht, um etwas zu suchen, und auf dem Weg dorthin etwas Interessanteres findet.
Manche Kinder arbeiten besser mit leiser Hintergrundmusik, andere brauchen absolute Stille. Hier gibt es kein Richtig oder Falsch. Achten Sie darauf, was bei Ihrem Kind funktioniert, und bleiben Sie dabei.
Die richtige Rolle der Eltern
Das ist der Punkt, an dem es in den meisten Familien schwierig wird. Wie viel Hilfe ist erlaubt? Wo beginnt das Abnehmen der Arbeit? Und wie bleibt man ruhig, wenn das Kind zum dritten Mal denselben Fehler macht?
Anwesend sein, nicht daneben sitzen. Ihr Kind sollte wissen, dass Sie in der Nähe sind und bei Fragen ansprechbar. Aber daneben sitzen und jede Zeile kontrollieren ist kontraproduktiv. Es signalisiert dem Kind: Ich traue dir nicht zu, das allein zu schaffen. Arbeiten Sie in der Nähe, aber an eigenen Dingen.
Helfen heisst erklären, nicht vorsagen. Wenn Ihr Kind bei einer Aufgabe nicht weiterkommt, helfen Sie mit einer Erklärung oder einem Denkansatz. Lösen Sie die Aufgabe nicht für das Kind. Auch wenn es schneller ginge und weniger Nerven kostet. Denn wenn Sie die Aufgabe lösen, hat die Lehrkraft am nächsten Tag ein falsches Bild vom Leistungsstand Ihres Kindes.
Fehler stehen lassen. Das klingt schwer, ist aber wichtig. Wenn Ihr Kind einen Fehler macht und Sie ihn nicht korrigieren, erfährt die Lehrkraft, wo noch Lücken sind. Das ist der Sinn von Hausaufgaben. Perfekte Hausaufgaben, die mit Elternhilfe entstanden sind, helfen niemandem.
Loben Sie den Einsatz, nicht das Ergebnis. Statt "Toll, alles richtig" sagen Sie lieber "Ich habe gesehen, wie konzentriert du gearbeitet hast". Das fördert die Motivation, sich anzustrengen, unabhängig vom Ergebnis.
Wenn es trotzdem eskaliert
Es gibt Tage, an denen nichts funktioniert. Ihr Kind weigert sich, weint, wirft den Stift hin. In solchen Momenten hilft ein klarer Grundsatz: Keine Hausaufgaben der Welt sind es wert, die Beziehung zu Ihrem Kind zu beschädigen.
Wenn die Situation eskaliert, brechen Sie ab. Sagen Sie ruhig: "Wir machen jetzt Pause. Du kannst in 15 Minuten weitermachen, oder wir schreiben der Lehrerin eine Nachricht, dass es heute nicht geklappt hat." Lehrkräfte sind Menschen. Die meisten haben Verständnis, wenn ein Kind ausnahmsweise ohne fertige Hausaufgaben kommt, solange das nicht zur Regel wird.
Wenn die Verweigerung allerdings regelmässig auftritt, steckt meistens mehr dahinter als Faulheit. Überforderung, Unterforderung, Prüfungsangst, Konflikte in der Schule oder auch eine nicht erkannte Lernschwäche können Gründe sein. Suchen Sie in diesem Fall das Gespräch mit der Lehrkraft und gegebenenfalls mit dem Kinderarzt.
Besondere Situationen
Ganztagsschule. An Ganztagsschulen werden Hausaufgaben häufig in der Schule erledigt, als fester Bestandteil des Nachmittags. Das entlastet den Familienalltag erheblich. Fragen Sie nach, wie die Hausaufgabenbetreuung organisiert ist und ob eine Lehrkraft oder eine Betreuungsperson die Kinder dabei unterstützt.
Getrennt lebende Eltern. Wenn Ihr Kind zwischen zwei Haushalten pendelt, sorgen Sie dafür, dass an beiden Orten ein Arbeitsplatz und die nötigen Materialien vorhanden sind. Klären Sie untereinander, wer an welchen Tagen für die Hausaufgabenbegleitung zuständig ist. Unterschiedliche Regeln in beiden Haushalten verwirren das Kind und führen zu Konflikten.
Mehrere Kinder. Wenn mehrere Kinder gleichzeitig Hausaufgaben machen, braucht jedes seinen Bereich. Geschwister, die nebeneinander sitzen, stören sich gegenseitig fast immer. Wenn der Platz knapp ist, staffeln Sie die Zeiten: Das eine Kind fängt um 14 Uhr an, das andere um 14.30 Uhr.
Sieben Regeln für stressfreie Hausaufgaben
Feste Zeit, fester Ort. Routine schlägt Improvisation.
Pause zwischen Schule und Hausaufgaben. Mindestens 30 Minuten, am besten mit Bewegung.
Schwieriges zuerst. Die Konzentration ist am Anfang am höchsten.
Timer stellen. Kinder arbeiten fokussierter, wenn ein Zeitrahmen sichtbar ist. Nicht als Druckmittel, sondern als Orientierung.
Nicht daneben sitzen. Verfügbar sein, aber nicht kontrollieren.
Fehler akzeptieren. Hausaufgaben zeigen den Lernstand, nicht den Elternstand.
Anerkennung geben. Jeden Tag, auch wenn es nicht perfekt war.
Fazit
Hausaufgaben werden niemals das Lieblingsprogramm Ihres Kindes sein. Aber sie müssen auch kein Grund für täglichen Streit sein. Mit klaren Routinen, einem passenden Arbeitsplatz und der richtigen Dosis elterlicher Zurückhaltung wird aus dem Kampf eine halbe Stunde, die einfach dazugehört. Und wenn es an manchen Tagen trotzdem nicht klappt: Morgen ist auch noch ein Schultag. Weitere Tipps rund um den Schulalltag finden Sie in unserem Ratgeber-Bereich.