Zweimal im Jahr bringt Ihr Kind ein Zeugnis nach Hause. In der Grundschule sind es zunächst Textbeurteilungen, ab der dritten oder vierten Klasse kommen Noten dazu. An den weiterführenden Schulen gibt es Noten in allen Fächern, dazu Bemerkungen zum Arbeits- und Sozialverhalten. Was auf den ersten Blick eindeutig erscheint, wirft bei genauerem Hinsehen Fragen auf: Was bedeutet eine Drei in Mathematik wirklich? Was steckt hinter "bemüht sich, den Anforderungen gerecht zu werden"? Und welche Bemerkungen sind harmlos und welche sollten Sie ernst nehmen?

Grundschule: Die Sprache der Textbeurteilungen

In der ersten und zweiten Klasse erhalten Kinder in allen Bundesländern schriftliche Beurteilungen statt Noten. Ab wann Noten vergeben werden, regelt jedes Bundesland anders: In Bayern und Sachsen gibt es Noten ab Klasse 2, in den meisten anderen Bundesländern ab Klasse 3. In Schleswig-Holstein und Hamburg können Schulen bis Klasse 8 auf Noten verzichten.

Die Textbeurteilungen der Grundschule folgen einem eigenen Sprachcode, der dem von Arbeitszeugnissen ähnelt. Anders als im Arbeitszeugnisrecht dürfen Schulzeugnisse aber auch offen Kritik formulieren. Die folgenden Schlüsselwörter helfen Ihnen, die Beurteilung einzuordnen:

"Sicher" und "selbstständig" sind die stärksten positiven Signalwörter. "Lena rechnet im Zahlenraum bis 100 sicher und selbstständig" entspricht einer Eins oder starken Zwei. "Lena rechnet im Zahlenraum bis 100 überwiegend sicher" ist eine Stufe darunter, etwa eine Zwei bis Drei.

"Mit Unterstützung" und "teilweise" zeigen an, dass Ihr Kind die Anforderungen nicht eigenständig bewältigt. "Max liest bekannte Texte mit Unterstützung" bedeutet, dass Lesen noch geübt werden muss. Das entspricht etwa einer Drei bis Vier.

"Bemüht sich" und "ansatzweise" sind die diplomatischsten Formulierungen für deutliche Schwächen. "Sophie bemüht sich, die Rechtschreibregeln anzuwenden" heisst: Es klappt noch nicht. Das liegt im Bereich Vier bis Fünf.

"Noch" und "zunehmend" sind Übergangswörter, die Entwicklung signalisieren. "Jonas kann zunehmend sicherer im Zahlenraum bis 20 rechnen" bedeutet: Es wird besser, ist aber noch nicht da, wo es sein sollte.

Wenn Sie unsicher sind, was eine Formulierung bedeutet, fragen Sie die Klassenlehrkraft direkt. Lehrkräfte sind verpflichtet, Ihnen das Zeugnis auf Nachfrage zu erklären. Nutzen Sie den Elternsprechtag oder vereinbaren Sie einen separaten Termin.

Notensystem: Was die Zahlen 1 bis 6 bedeuten

Ab der dritten oder vierten Klasse bekommt Ihr Kind Noten. Das deutsche Notensystem kennt sechs Stufen:

1 (sehr gut): Die Leistung liegt deutlich über den Anforderungen. In der Praxis bedeutet das: Klassenarbeiten regelmässig über 90 Prozent richtig, aktive mündliche Mitarbeit auf hohem Niveau, keine nennenswerten Lücken.

2 (gut): Die Leistung liegt über den Anforderungen. Klassenarbeiten zwischen 75 und 90 Prozent, solide mündliche Mitarbeit.

3 (befriedigend): Die Leistung entspricht den Anforderungen. Das klingt nach Mittelfeld, und genau das ist es. Eine Drei in Klasse 6 am Gymnasium ist eine andere Drei als in Klasse 6 an der Hauptschule. Die Note beschreibt die Leistung im Kontext der jeweiligen Schulform und Anforderungsstufe.

4 (ausreichend): Die Leistung weist Mängel auf, genügt aber noch den Anforderungen. Eine Vier ist die letzte Note, die zur Versetzung beiträgt. Viele Eltern atmen bei einer Vier auf, aber sie ist ein Warnsignal: Ihr Kind beherrscht den Stoff gerade noch, hat aber kaum Reserven.

5 (mangelhaft): Die Leistung genügt den Anforderungen nicht, lässt aber Grundkenntnisse erkennen. Eine Fünf gefährdet die Versetzung und muss in den meisten Bundesländern durch eine bessere Note in einem anderen Fach ausgeglichen werden.

6 (ungenügend): Die Leistung genügt den Anforderungen nicht und zeigt, dass selbst Grundkenntnisse fehlen. Eine Sechs macht die Versetzung in vielen Bundesländern unmöglich.

Kopfnoten: Arbeits- und Sozialverhalten

In den meisten Bundesländern enthält das Zeugnis neben den Fachnoten auch Bewertungen des Arbeits- und Sozialverhaltens, die sogenannten Kopfnoten. Sie stehen im oberen Teil des Zeugnisses, daher der Name. Je nach Bundesland werden sie als Noten (A, B, C, D oder 1 bis 5), als Textbausteine oder als freie Formulierungen vergeben.

Arbeitsverhalten umfasst: Zuverlässigkeit, Sorgfalt, Selbstständigkeit, Leistungsbereitschaft und Ausdauer. "A" oder "verdient besondere Anerkennung" bedeutet, dass Ihr Kind in diesen Bereichen herausragend ist. "C" oder "entspricht den Erwartungen" ist der Durchschnitt. "D" oder "entspricht den Erwartungen mit Einschränkungen" ist ein deutliches Signal, dass etwas nicht stimmt.

Sozialverhalten umfasst: Hilfsbereitschaft, Teamfähigkeit, Konfliktverhalten, Verantwortungsbewusstsein und Einhaltung von Regeln. Eine schlechte Kopfnote im Sozialverhalten sollten Sie ernst nehmen, auch wenn die Fachnoten gut sind. Sie kann auf Probleme hinweisen, die sich langfristig stärker auswirken als eine schlechte Note in Erdkunde.

Nicht alle Bundesländer vergeben Kopfnoten. In Berlin, Hamburg und Brandenburg gibt es keine. In NRW, Sachsen und Thüringen sind sie verpflichtend. Ob Kopfnoten sinnvoll sind, ist umstritten. Für Arbeitgeber, die Ausbildungsplätze vergeben, spielen sie durchaus eine Rolle.

Oberstufe: Punkte statt Noten

Ab der gymnasialen Oberstufe (Klasse 11 bzw. 12 und 13) werden die Noten in Punkte umgerechnet. Das Punktesystem reicht von 0 bis 15:

15 bis 13 Punkte entsprechen einer Eins (sehr gut). 12 bis 10 Punkte einer Zwei (gut). 9 bis 7 Punkte einer Drei (befriedigend). 6 bis 4 Punkte einer Vier (ausreichend). 3 bis 1 Punkt einer Fünf (mangelhaft). 0 Punkte einer Sechs (ungenügend).

In der Oberstufe zählt jede Note für das Abitur. Das Punktesystem ermöglicht eine feinere Differenzierung als die Noten 1 bis 6 und erlaubt es, den genauen Abiturschnitt auf eine Nachkommastelle genau zu berechnen. 4 Punkte ist die Untergrenze: Wer in einem Kurs weniger als 5 Punkte bekommt, hat einen "Unterkurs", und zu viele Unterkurse gefährden die Zulassung zum Abitur.

Was steht in den Bemerkungen?

Neben den Noten und Kopfnoten enthält das Zeugnis ein Bemerkungsfeld. Hier notiert die Schule zusätzliche Informationen, die nicht in die Noten einfliessen:

Fehlzeiten: Die Anzahl der versäumten Tage und Stunden wird aufgeführt, unterteilt in entschuldigte und unentschuldigte Fehlzeiten. Hohe unentschuldigte Fehlzeiten sind ein Problem, besonders bei Bewerbungen um Ausbildungsplätze. Arbeitgeber schauen darauf.

Teilnahme an Arbeitsgemeinschaften: Wenn Ihr Kind eine Schach-AG, eine Sportmannschaft oder ein Theaterprojekt besucht hat, wird das hier vermerkt. Diese Einträge sind positiv und zeigen Engagement über den Pflichtunterricht hinaus.

Besondere Leistungen: Wettbewerbsteilnahmen, Auszeichnungen, Ehrenamt, Schülervertretung oder die Teilnahme an Austauschprogrammen werden im Bemerkungsfeld festgehalten.

Hinweise zur Versetzung: "Versetzt in Klasse 8" oder "Versetzung gefährdet" (nur im Halbjahreszeugnis) stehen ebenfalls in den Bemerkungen. Unser Ratgeber Sitzenbleiben: Wann droht es und was tun? erklärt die Versetzungsregeln im Detail.

Was tun bei schlechten Noten?

Nicht sofort schimpfen. Schauen Sie sich das Zeugnis in Ruhe an, am besten nicht in den ersten fünf Minuten nach der Übergabe. Fragen Sie Ihr Kind, wie es selbst das Zeugnis einschätzt. Oft wissen Kinder genau, wo sie stehen.

Muster erkennen. Ist die schlechte Note ein Ausreisser oder Teil eines Trends? Eine Vier in Physik nach einem Lehrerwechsel ist etwas anderes als eine schleichende Verschlechterung über drei Halbjahre. Schauen Sie auf die Entwicklung, nicht auf die einzelne Note.

Ursachen klären. Liegt es am fehlenden Verständnis des Stoffs, an mangelnder Motivation, an Problemen mit der Lehrkraft oder an etwas ganz anderem? Sprechen Sie mit der Klassenlehrkraft und fragen Sie konkret: Wo liegen die Lücken? Wie ist die mündliche Mitarbeit? Was empfehlen Sie?

Gezielt unterstützen. Wenn Wissenslücken das Problem sind, kann Nachhilfe helfen. Unser Ratgeber Nachhilfe: Wann ist sie sinnvoll? gibt Orientierung. Wenn Motivation das Problem ist, hilft Nachhilfe allein nicht. Dann braucht es ein Gespräch darüber, was Ihr Kind antreibt und was es bremst.

Kann ich gegen eine Note vorgehen?

Ja, aber nur unter bestimmten Voraussetzungen. Eine Zeugnisnote ist ein Verwaltungsakt und kann angefochten werden. In der Praxis ist das allerdings selten erfolgreich, weil Lehrkräfte einen pädagogischen Beurteilungsspielraum haben. Gerichte prüfen nicht, ob die Note "richtig" ist, sondern nur, ob das Verfahren korrekt war.

Gründe für einen erfolgreichen Widerspruch können sein: Die Note basiert auf falschen Tatsachen (z.B. eine Klassenarbeit wurde falsch berechnet). Das Bewertungsverfahren war fehlerhaft (z.B. die angekündigte Gewichtung von schriftlich und mündlich wurde nicht eingehalten). Sachfremde Erwägungen haben die Note beeinflusst (z.B. Bestrafung für Verhalten durch eine schlechtere Fachnote).

Bevor Sie den formalen Weg gehen, suchen Sie das Gespräch: erst mit der Fachlehrkraft, dann mit der Schulleitung. In den meisten Fällen lässt sich eine Unklarheit ohne Widerspruch klären.

Auf schulbewertung.net finden Sie Bewertungen und Erfahrungsberichte zu Schulen in ganz Deutschland. In unserer Schultypen-Übersicht können Sie gezielt nach Schulen in Ihrer Region suchen und die Erfahrungen anderer Eltern lesen.