Abitur, Fachabitur, Fachhochschulreife, fachgebundene Hochschulreife: Kaum ein Thema im deutschen Bildungssystem sorgt für so viel Verwirrung wie die Frage, welcher Abschluss wozu berechtigt. Eltern, die sich für die Zukunft ihres Kindes informieren wollen, stossen auf einen Dschungel aus Begriffen, der selbst Lehrkräfte manchmal ins Stolpern bringt. Dieser Ratgeber räumt auf: Was ist was, und welcher Abschluss öffnet welche Türen?

Drei Abschlüsse, die oft verwechselt werden

Es gibt in Deutschland drei Hochschulzugangsberechtigungen, also drei Abschlüsse, die zum Studium berechtigen. Jeder davon öffnet unterschiedliche Türen:

Allgemeine Hochschulreife (Abitur): Der höchste Schulabschluss. Berechtigt zum Studium aller Fachrichtungen an allen Universitäten und Fachhochschulen in Deutschland. Wer Abitur hat, kann grundsätzlich alles studieren, von Medizin über Jura bis Kunstgeschichte. Vorausgesetzt, die Noten stimmen und eventuelle Zulassungsbeschränkungen (Numerus clausus) werden erfüllt.

Fachgebundene Hochschulreife: Berechtigt zum Studium bestimmter Fachrichtungen an Universitäten und zum Studium aller Fachrichtungen an Fachhochschulen. Welche Fächer an der Universität studiert werden dürfen, steht im Abschlusszeugnis. Der Unterschied zur allgemeinen Hochschulreife: Es fehlt der Nachweis einer zweiten Fremdsprache. Wer diesen nachträglich erbringt (z.B. durch eine Ergänzungsprüfung), kann die fachgebundene Hochschulreife zur allgemeinen Hochschulreife aufwerten.

Fachhochschulreife: Berechtigt zum Studium aller Fachrichtungen an Fachhochschulen (heute meistens "Hochschule für angewandte Wissenschaften" genannt). Ein Studium an einer Universität ist mit der Fachhochschulreife in den meisten Bundesländern nicht möglich. Ausnahme: In Hessen berechtigt die Fachhochschulreife zum Studium an allen Hochschulen des Landes (ausser der Universität Frankfurt).

Was ist das "Fachabitur"?

Der Begriff "Fachabitur" ist ein umgangssprachlicher Sammelbegriff, den es offiziell gar nicht gibt. Er wird für zwei verschiedene Abschlüsse verwendet: Manche meinen damit die Fachhochschulreife, andere die fachgebundene Hochschulreife. In der Alltagssprache sagt fast jeder "Fachabitur", wenn er die Fachhochschulreife meint. Wenn Ihr Kind sagt "Ich mache mein Fachabi an der FOS", ist damit meistens die Fachhochschulreife gemeint.

Diese sprachliche Unschärfe ist nicht harmlos. Sie führt regelmässig zu Missverständnissen, besonders bei Bewerbungen und Zulassungsverfahren. Achten Sie immer darauf, welcher Abschluss genau auf dem Zeugnis steht: "Allgemeine Hochschulreife", "Fachgebundene Hochschulreife" oder "Fachhochschulreife". Nur das zählt, nicht das Wort "Fachabitur".

Wo wird welcher Abschluss erworben?

Allgemeine Hochschulreife (Abitur): Am allgemeinbildenden Gymnasium (G8 oder G9), am Beruflichen Gymnasium (drei Jahre ab Klasse 11), an der Gesamtschule mit gymnasialer Oberstufe, an Abendgymnasien oder Kollegs (Zweiter Bildungsweg). An Berufsoberschulen und Fachoberschulen mit 13. Klasse, wenn eine zweite Fremdsprache nachgewiesen wird.

Fachgebundene Hochschulreife: An Berufsoberschulen (BOS) nach der 13. Klasse, wenn keine zweite Fremdsprache belegt wurde. An Fachoberschulen (FOS) mit 13. Klasse in einigen Bundesländern (Bayern, Berlin, Hamburg, NRW). Auch an Fachgymnasien ohne zweite Fremdsprache.

Fachhochschulreife: An Fachoberschulen (FOS) nach der 12. Klasse. An Berufskollegs und Berufsfachschulen. Über den schulischen Teil der Fachhochschulreife am Gymnasium (Klasse 11/12, falls der Schüler das Abitur nicht abschliesst) plus einem berufsbezogenen Teil (Ausbildung, Praktikum oder einjährige Berufstätigkeit). Parallel zur dualen Berufsausbildung über Zusatzunterricht an der Berufsschule.

Was kann ich mit welchem Abschluss studieren?

Abitur: Alles. Jeder Studiengang an jeder Hochschule. Medizin, Jura, Lehramt, Ingenieurwesen, Geisteswissenschaften. Allerdings nur, wenn die sonstigen Voraussetzungen erfüllt sind: Viele Studiengänge haben einen Numerus clausus (NC), manche verlangen Eignungstests, Sprachnachweise oder Motivationsschreiben.

Fachgebundene Hochschulreife: Bestimmte Studiengänge an Universitäten (die im Zeugnis genannten Fachrichtungen) plus alle Studiengänge an Fachhochschulen. Beispiel: Wer die fachgebundene Hochschulreife mit der Fachrichtung Wirtschaft hat, kann an einer Universität BWL oder VWL studieren, aber nicht Medizin oder Jura.

Fachhochschulreife: Alle Studiengänge an Fachhochschulen. Kein Studium an Universitäten (mit wenigen Ausnahmen in einzelnen Bundesländern). Das bedeutet: Medizin, Jura, Lehramt (in den meisten Bundesländern) und viele klassische Universitätsstudiengänge sind mit der Fachhochschulreife nicht möglich.

Praxistipp: Wenn Ihr Kind noch nicht genau weiss, was es studieren will, ist das Abitur die sicherste Wahl. Es hält alle Optionen offen. Wenn Ihr Kind dagegen genau weiss, dass es einen praxisorientierten Studiengang an einer Fachhochschule anstrebt, etwa Soziale Arbeit, Wirtschaftsinformatik oder Maschinenbau, reicht die Fachhochschulreife vollkommen aus. Der Abschluss (Bachelor, Master) ist am Ende derselbe, egal ob an der Universität oder an der Fachhochschule erworben.

Berufliche Chancen: Macht der Abschluss einen Unterschied?

Auf dem Arbeitsmarkt zählt in den meisten Branchen der Studienabschluss, nicht der Schulabschluss. Ob jemand mit Fachhochschulreife an einer Fachhochschule studiert hat oder mit Abitur an einer Universität, spielt für die meisten Arbeitgeber keine Rolle, solange der Bachelor- oder Masterabschluss vorliegt. In technischen und wirtschaftlichen Berufen geniessen Fachhochschulabsolventen oft sogar einen Praxisvorteil, weil das Studium anwendungsorientierter ist.

Es gibt Ausnahmen: Für den Beruf des Richters, Staatsanwalts, Notars oder Arztes ist ein Universitätsstudium zwingend. Für Lehramtsstudiengänge gilt in den meisten Bundesländern ebenfalls: nur an der Universität. Wenn Ihr Kind einen dieser Berufe anstrebt, braucht es das Abitur oder zumindest die fachgebundene Hochschulreife mit der passenden Fachrichtung.

Für eine Berufsausbildung spielt der Unterschied zwischen Abitur und Fachhochschulreife praktisch keine Rolle. Beide Abschlüsse werden von Ausbildungsbetrieben gleichermassen geschätzt. Manchen Betrieben ist ein guter Realschulabschluss sogar lieber als ein mittelmässiges Abitur, weil er zeigt, dass der Bewerber eine bewusste Entscheidung für die Praxis getroffen hat.

Kann man von der Fachhochschulreife zum Abitur aufsteigen?

Ja. Wer die Fachhochschulreife hat und das Abitur nachholen will, hat mehrere Wege:

FOS 13: In Bayern, Berlin, Hamburg und NRW bieten manche Fachoberschulen eine 13. Klasse an. Nach einem Jahr hat Ihr Kind die fachgebundene Hochschulreife. Wird zusätzlich eine zweite Fremdsprache nachgewiesen, ergibt sich die allgemeine Hochschulreife.

Berufsoberschule (BOS): Für Bewerber mit Fachhochschulreife und abgeschlossener Berufsausbildung. Die BOS dauert ein bis zwei Jahre und führt zur fachgebundenen oder allgemeinen Hochschulreife.

Abendgymnasium oder Kolleg: Über den Zweiten Bildungsweg können Erwachsene das Abitur nachholen, unabhängig vom bisherigen Schulabschluss. Das Kolleg ist eine Vollzeitschule, das Abendgymnasium erlaubt parallele Berufstätigkeit. Die Dauer beträgt in der Regel zwei bis drei Jahre.

Studium an der Fachhochschule plus Masterstudium: Wer mit der Fachhochschulreife einen Bachelor an einer Fachhochschule abschliesst, kann danach in vielen Fällen ein Masterstudium an einer Universität aufnehmen. Der Bachelor gleicht die fehlende Hochschulreife aus. Dieser Weg dauert länger, führt aber ebenfalls zum Ziel.

Was empfehlen wir?

Die Frage "Abitur oder Fachabitur?" ist keine Frage von besser oder schlechter. Es ist eine Frage der Passung. Stellen Sie sich drei Fragen:

Was will mein Kind beruflich? Wenn der Berufswunsch feststeht und ein Fachhochschulstudium reicht (Ingenieur, Sozialarbeiter, Betriebswirt, Informatiker), ist die Fachhochschulreife der schnellere Weg. Wenn ein Universitätsstudium nötig ist (Arzt, Jurist, Lehrer), führt kein Weg am Abitur vorbei.

Wie sicher ist der Berufswunsch? Wenn Ihr Kind noch keine klare Vorstellung hat, hält das Abitur alle Türen offen. Mit der Fachhochschulreife stehen manche Türen nur einen Spalt breit offen und einige ganz zu.

Was kann und will mein Kind leisten? Das Abitur ist anspruchsvoller und dauert länger als die Fachhochschulreife. Wenn Ihr Kind schulisch gut zurechtkommt und motiviert ist, spricht nichts gegen das Abitur. Wenn es schulisch kämpft und einen schnelleren Einstieg ins Studium oder in den Beruf sucht, kann die Fachhochschulreife der klügere Weg sein.

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