Rund 43 Prozent aller Schulabsolventen in Deutschland verlassen die Schule mit einem Mittleren Schulabschluss. Er ist damit der häufigste Schulabschluss im Land, noch vor der Hochschulreife. Die gute Nachricht: Mit dem Mittleren Schulabschluss stehen Ihrem Kind mehr Türen offen als viele Eltern vermuten. Die Wege reichen von der klassischen Berufsausbildung über die Fachoberschule bis hin zum vollwertigen Abitur am Beruflichen Gymnasium. Die Entscheidung, welcher Weg der richtige ist, hängt von den Interessen, den Noten und den beruflichen Zielen Ihres Kindes ab.

Was ist der Mittlere Schulabschluss?

Der Mittlere Schulabschluss (MSA) wird in der Regel am Ende der 10. Klasse erworben. Je nach Bundesland heisst er Realschulabschluss, Mittlere Reife, Fachoberschulreife oder einfach Mittlerer Bildungsabschluss. Am Gymnasium erhalten Schüler den MSA automatisch mit der Versetzung in die Oberstufe (Klasse 11 bei G9, Klasse 10 bei G8). An Realschulen, Oberschulen und Gesamtschulen wird er nach einer Abschlussprüfung vergeben.

Die Prüfung umfasst in den meisten Bundesländern schriftliche Arbeiten in Deutsch, Mathematik und einer Fremdsprache (meistens Englisch), dazu eine mündliche Prüfung oder eine Präsentation. Die genauen Anforderungen legt jedes Bundesland einzeln fest, der Abschluss ist aber bundesweit anerkannt.

Entscheidend für die weiteren Möglichkeiten ist nicht nur der Abschluss selbst, sondern der Notendurchschnitt. Viele weiterführende Bildungsgänge setzen einen bestimmten Schnitt voraus. In NRW beispielsweise gibt es die "Fachoberschulreife mit Qualifikationsvermerk" (FOR-Q), die zum Besuch der gymnasialen Oberstufe berechtigt. Ohne diesen Vermerk ist der Weg aufs allgemeinbildende Gymnasium versperrt.

Weg 1: Berufsausbildung

Die duale Berufsausbildung ist der klassische Weg nach dem Mittleren Schulabschluss und nach wie vor der häufigste. Rund 500.000 junge Menschen beginnen jedes Jahr eine duale Ausbildung. Ihr Kind lernt in einem Betrieb und besucht parallel die Berufsschule. Die Ausbildung dauert je nach Beruf zwei bis dreieinhalb Jahre und endet mit einer Abschlussprüfung vor der zuständigen Kammer (IHK, Handwerkskammer oder andere).

Mit dem MSA hat Ihr Kind Zugang zu nahezu allen anerkannten Ausbildungsberufen. Für viele Berufe ist der MSA die Mindestvoraussetzung, besonders in den Bereichen Verwaltung, Gesundheit, IT und kaufmännische Berufe. Andere Berufe, etwa im Handwerk oder in der Gastronomie, sind auch mit einem Hauptschulabschluss zugänglich, bevorzugen aber Bewerber mit MSA.

Ein oft übersehener Vorteil der dualen Ausbildung: Während der Ausbildung können Berufsschüler unter bestimmten Voraussetzungen die Fachhochschulreife erwerben, entweder über Zusatzunterricht an der Berufsschule oder über eine doppelqualifizierende Ausbildung. In NRW beispielsweise können Auszubildende mit MSA und guten Leistungen parallel zur Ausbildung den schulischen Teil der Fachhochschulreife ablegen. Nach Abschluss der Ausbildung haben sie dann Berufsabschluss und Fachhochschulreife in der Tasche.

Weg 2: Berufliches Gymnasium

Das Berufliche Gymnasium führt in drei Jahren zur allgemeinen Hochschulreife. Der Abschluss ist identisch mit dem Abitur am allgemeinbildenden Gymnasium: Es steht "Allgemeine Hochschulreife" auf dem Zeugnis, und damit kann Ihr Kind jeden Studiengang an jeder Universität belegen.

Der Vorteil gegenüber dem Wechsel in die Oberstufe eines allgemeinbildenden Gymnasiums: Am Beruflichen Gymnasium starten alle in Klasse 11 neu. Niemand hat einen Vorsprung, alle sind auf dem gleichen Stand. Das erleichtert den Einstieg. Ausserdem gibt es ein berufsbezogenes Profilfach (Wirtschaft, Technik, Gesundheit, IT, Gestaltung und andere), das als Leistungskurs geführt wird und dem Unterricht eine berufliche Orientierung gibt.

Die Zugangsvoraussetzungen variieren je nach Bundesland, in der Regel braucht Ihr Kind einen MSA mit einem Notendurchschnitt von 2,5 bis 3,0 in den Fächern Deutsch, Mathematik und Englisch. Berufliche Gymnasien gibt es in allen Bundesländern ausser Bayern. Unser Ratgeber Berufliches Gymnasium erklärt diesen Weg ausführlich.

Weg 3: Fachoberschule (FOS)

Die Fachoberschule führt in zwei Jahren zur Fachhochschulreife, umgangssprachlich "Fachabitur" genannt. Mit der Fachhochschulreife kann Ihr Kind an Fachhochschulen (heute: Hochschulen für angewandte Wissenschaften) studieren. An Universitäten ist das Studium mit der Fachhochschulreife nur in Ausnahmefällen möglich.

Die FOS gliedert sich in zwei Phasen: In Klasse 11 absolviert Ihr Kind ein gelenktes Praktikum in einem Betrieb und besucht parallel die Fachoberschule. In Klasse 12 findet der Unterricht in Vollzeit statt und endet mit der Abschlussprüfung. Fachrichtungen gibt es viele: Wirtschaft, Technik, Gesundheit, Sozialwesen, Gestaltung, Informatik und andere.

In einigen Bundesländern (Bayern, Berlin, Hamburg, NRW) gibt es an manchen Fachoberschulen eine 13. Klasse, die zur fachgebundenen oder sogar zur allgemeinen Hochschulreife führt. In Bayern ist die FOS 13 der Standardweg zum Abitur für Realschulabsolventen, weil es dort kein Berufliches Gymnasium gibt.

Weg 4: Gymnasiale Oberstufe am allgemeinbildenden Gymnasium

Wenn Ihr Kind einen besonders guten MSA hat (in vielen Bundesländern: FOR-Q oder gleichwertige Berechtigung), kann es direkt in die Oberstufe eines allgemeinbildenden Gymnasiums oder einer Gesamtschule wechseln. Dort erreicht es nach zwei (G8) oder drei (G9) Jahren die allgemeine Hochschulreife.

Dieser Weg ist anspruchsvoll, weil Ihr Kind in eine bestehende Klasse einsteigt und den Vorsprung der Gymnasialschüler aufholen muss, besonders in der zweiten Fremdsprache. Wenn Ihr Kind an der Realschule keine zweite Fremdsprache hatte oder diese nicht lang genug belegt hat, muss es in der Oberstufe eine neue Fremdsprache von Grund auf lernen. Das ist machbar, bedeutet aber zusätzlichen Aufwand.

Weg 5: Schulische Berufsausbildung

Neben der dualen Ausbildung gibt es vollschulische Ausbildungen, die an Berufsfachschulen stattfinden. Diese Ausbildungen sind besonders verbreitet in den Bereichen Gesundheit (Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie, Pharmazeutisch-technische Assistenz), Pädagogik (Erzieher, Sozialpädagogischer Assistent) und Gestaltung (Modedesign, Grafikdesign). Die Ausbildung dauert zwei bis drei Jahre und wird an einer staatlichen oder privaten Berufsfachschule absolviert.

Achtung: An privaten Berufsfachschulen fällt in der Regel Schulgeld an, an staatlichen nicht. Die Qualität der Ausbildung hängt stark von der einzelnen Schule ab. Erkundigen Sie sich vor der Anmeldung, wie die Übernahme- und Beschäftigungsquoten der Absolventen aussehen.

Weg 6: Freiwilligendienst oder Auslandsaufenthalt

Nicht jeder Schulabgänger weiss sofort, was er will. Wenn Ihr Kind nach dem MSA eine Orientierungsphase braucht, sind ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ), ein Freiwilliges Ökologisches Jahr (FÖJ) oder ein Bundesfreiwilligendienst (BFD) sinnvolle Optionen. Die Dienste dauern in der Regel zwölf Monate, werden mit einem Taschengeld vergütet und bieten praktische Einblicke in soziale, kulturelle oder ökologische Arbeitsfelder.

Ein Freiwilligendienst wird bei vielen Ausbildungs- und Studienbewerbungen positiv bewertet. Er kann auch als Orientierungshilfe dienen: Wer ein Jahr in einem Krankenhaus arbeitet, weiss danach ziemlich sicher, ob ein Gesundheitsberuf das Richtige ist oder nicht.

Ein Auslandsaufenthalt (Au-pair, Work and Travel, Sprachkurs) ist ebenfalls eine Option, erfordert aber mehr Eigeninitiative und finanzielle Mittel. Für Familien mit begrenztem Budget sind die Freiwilligendienste die bessere Wahl, weil sie organisatorisch betreut werden und kostenlos sind.

Was passt zu meinem Kind?

Ihr Kind weiss, was es beruflich will? Dann ist die duale Ausbildung oder eine schulische Berufsausbildung der direkteste Weg. Drei Jahre lernen, verdienen und danach im Beruf stehen.

Ihr Kind will studieren, aber weiss noch nicht was? Das Berufliche Gymnasium ist die flexibelste Option. Das vollwertige Abitur hält alle Türen offen, das Profilfach gibt eine erste Orientierung, und in drei Jahren kann sich viel klären.

Ihr Kind will studieren und weiss, in welche Richtung? Die Fachoberschule ist effizienter, wenn das Studienfach an einer Fachhochschule angeboten wird. In zwei Jahren zur Fachhochschulreife, danach direkt ins Studium.

Ihr Kind braucht eine Pause? Ein Freiwilligendienst ist keine verlorene Zeit. Es ist eine Investition in die Reife und die Entscheidungsfähigkeit Ihres Kindes.

Lassen Sie Ihr Kind mitentscheiden. Es ist sein Weg, nicht Ihrer. Beratung gibt es kostenlos bei der Berufsberatung der Agentur für Arbeit, bei den schulpsychologischen Diensten und an den weiterführenden Schulen selbst. Auf schulbewertung.net finden Sie Bewertungen und Erfahrungsberichte zu Schulen aller Schulformen in ganz Deutschland. In unserer Schultypen-Übersicht können Sie gezielt nach beruflichen Schulen, Gymnasien und Gesamtschulen in Ihrer Region suchen.