Der letzte Schultag ist vorbei, das Zeugnis in der Tasche, und dann steht Ihr Kind vor der grössten Entscheidung seiner bisherigen Biografie: Was kommt danach? Ausbildung, Studium, Freiwilligendienst oder erst mal gar nichts? Rund 30 Prozent aller Abiturienten legen nach der Schule ein sogenanntes Gap Year ein, bevor sie mit einer Ausbildung oder einem Studium beginnen. Auch viele Schulabgänger mit Mittlerem Schulabschluss stehen vor der Frage, welcher Weg der richtige ist. Dieser Ratgeber gibt einen Überblick über alle Optionen und hilft, die Entscheidung zu sortieren.

Ausbildung: Verdienen und lernen gleichzeitig

Die duale Berufsausbildung ist der am weitesten verbreitete Einstieg ins Berufsleben. Rund 500.000 junge Menschen beginnen jedes Jahr eine Ausbildung in einem der über 320 anerkannten Ausbildungsberufe. Das Besondere am dualen System: Ihr Kind lernt im Betrieb und besucht parallel die Berufsschule. Die Ausbildung dauert je nach Beruf zwei bis dreieinhalb Jahre.

Was spricht dafür: Ihr Kind verdient vom ersten Tag an Geld. Die Ausbildungsvergütung liegt je nach Branche und Lehrjahr zwischen 700 und 1.300 Euro brutto im Monat. Nach der Ausbildung hat Ihr Kind einen anerkannten Berufsabschluss und kann sofort in den Arbeitsmarkt einsteigen. Die Übernahmequote liegt bei vielen Unternehmen über 70 Prozent. Und der Arbeitsmarkt für Fachkräfte mit abgeschlossener Berufsausbildung ist derzeit so stark wie selten zuvor.

Was spricht dagegen: Die Gehälter nach der Ausbildung liegen in vielen Berufen unter denen von Hochschulabsolventen, zumindest langfristig. Manche Berufe sind nur über ein Studium zugänglich (Arzt, Jurist, Ingenieur, Lehrer). Und nicht jeder Ausbildungsbetrieb bildet gut aus: Mangelhafte Betreuung, ausbildungsfremde Tätigkeiten und Überstunden sind in einigen Branchen leider keine Seltenheit.

Tipp: Wenn Ihr Kind Abitur hat und trotzdem eine Ausbildung machen will, ist das keine Verschwendung. Viele Arbeitgeber schätzen Abiturienten als Azubis, weil sie reifer sind und schneller lernen. Und der Weg vom Berufsabschluss zum Studium ist jederzeit offen: Über die Meisterprüfung, die Aufstiegsfortbildung oder den direkten Hochschulzugang für beruflich Qualifizierte.

Studium: Die akademische Laufbahn

Rund 470.000 Erstsemester beginnen jedes Jahr ein Studium in Deutschland. Die Auswahl ist riesig: Über 20.000 Studiengänge an knapp 400 Hochschulen. Wer die allgemeine Hochschulreife hat, kann grundsätzlich alles studieren, von Medizin über Maschinenbau bis Theaterwissenschaft. Unser Ratgeber Abitur oder Fachabitur erklärt die Unterschiede zwischen den Hochschulzugangsberechtigungen.

Universität oder Fachhochschule? Universitäten sind theoretischer und forschungsorientierter. Fachhochschulen (heute oft "Hochschule für angewandte Wissenschaften") arbeiten praxisnäher, mit kleineren Seminargruppen und verpflichtenden Praxissemestern. Der Abschluss (Bachelor, Master) ist am Ende gleichwertig, egal ob er an der Uni oder der FH erworben wurde.

Duales Studium: Eine Mischform, die Studium und Berufsausbildung oder Studium und Berufstätigkeit kombiniert. Rund 130.000 Studierende sind derzeit dual eingeschrieben. Ihr Kind studiert an einer Hochschule und arbeitet parallel in einem Unternehmen. Die Vergütung liegt typischerweise zwischen 800 und 1.600 Euro im Monat. Der Vorteil: Praxiserfahrung und Studium gleichzeitig, oft mit Übernahmegarantie. Der Nachteil: Hohe Belastung, wenig Freizeit, kaum Raum für studentisches Leben.

Finanzierung: BAföG (bis zu 992 Euro pro Monat für Studierende, die nicht bei den Eltern wohnen, Stand 2026), Stipendien (Deutschlandstipendium: 300 Euro/Monat), Nebenjobs (Minijob bis 538 Euro steuerfrei oder Werkstudentenjob), Bildungskredite. Viele Studierende kombinieren mehrere Quellen. Die BAföG-Förderung ist zur Hälfte ein Zuschuss, zur Hälfte ein zinsloses Darlehen, das nach dem Studium zurückgezahlt wird, gedeckelt auf maximal 10.010 Euro.

Freiwilligendienst: Zeit zum Reifen

Wer nach der Schule nicht sofort weiss, wohin die Reise gehen soll, ist mit einem Freiwilligendienst gut beraten. Rund 80.000 junge Menschen leisten jedes Jahr einen Freiwilligendienst in Deutschland. Die wichtigsten Programme:

FSJ (Freiwilliges Soziales Jahr): Für alle zwischen 15 und 26 Jahren. Einsatz in sozialen Einrichtungen wie Krankenhäusern, Kindergärten, Altenheimen, Schulen, Behinderteneinrichtungen oder Sportvereinen. Dauer: in der Regel zwölf Monate, mindestens sechs, maximal achtzehn. Ihr Kind bekommt ein Taschengeld von bis zu 604 Euro pro Monat, ist sozialversichert und erhält Kindergeld. Drei einwöchige Seminare gehören zum Programm.

FÖJ (Freiwilliges Ökologisches Jahr): Das Pendant zum FSJ im Bereich Umwelt und Naturschutz. Einsatzorte sind Naturschutzzentren, Umweltbildungseinrichtungen, ökologische Bauernhöfe oder Nationalparks. Die Rahmenbedingungen (Dauer, Taschengeld, Versicherung) sind identisch mit dem FSJ.

BFD (Bundesfreiwilligendienst): Seit 2011 als Nachfolger des Zivildienstes. Der grösste Unterschied zum FSJ: Es gibt keine Altersgrenze nach oben. Auch über 27-Jährige können einen BFD leisten, bei Teilzeit. Die Einsatzbereiche sind breiter als beim FSJ und umfassen neben sozialen auch kulturelle, sportliche und integrationsbezogene Tätigkeiten. Im Alltag macht es keinen Unterschied, ob Ihr Kind ein FSJ oder einen BFD leistet.

Freiwilligendienst im Ausland: Programme wie Weltwärts (Entwicklungszusammenarbeit), Kulturweit (Kultur und Bildung), der Internationale Jugendfreiwilligendienst (IJFD) oder das Europäische Solidaritätskorps ermöglichen Freiwilligenarbeit im Ausland. Die Organisationen übernehmen Reisekosten, Unterkunft und Verpflegung. Ihr Kind muss sich allerdings frühzeitig bewerben, die Vorlaufzeit beträgt oft sechs bis zwölf Monate.

Vorteile des Freiwilligendienstes: Praktische Berufsorientierung (nach einem Jahr im Krankenhaus weiss Ihr Kind, ob ein Gesundheitsberuf passt), persönliche Reifung, guter Eintrag im Lebenslauf. In vielen Studiengängen wird der Freiwilligendienst als Praktikum anerkannt. In Baden-Württemberg kann ein zwölfmonatiges FSJ oder BFD als praktischer Teil der Fachhochschulreife angerechnet werden.

Praktikum und Nebenjob

Wenn Ihr Kind keinen Freiwilligendienst machen, aber trotzdem eine Orientierungsphase haben möchte, sind Praktika eine gute Alternative. Ein dreimonatiges Praktikum in einem Unternehmen gibt einen realistischen Einblick in den Berufsalltag, ohne sich für ein ganzes Jahr zu binden.

Achtung: Praktika nach dem Schulabschluss, die nicht im Rahmen eines Studiums oder einer Ausbildung stattfinden, unterliegen dem Mindestlohngesetz, wenn sie länger als drei Monate dauern. Das heisst: Ab dem vierten Monat muss das Unternehmen den gesetzlichen Mindestlohn (12,82 Euro pro Stunde, Stand 2026) zahlen.

Wer einfach Geld verdienen will, kann auch jobben. Minijobs (bis 538 Euro im Monat), Teilzeitjobs oder befristete Vollzeitstellen sind möglich. Bedenken Sie aber: Wenn Ihr Kind nach der Schule weder in Ausbildung noch in einem Studium ist und keinen Freiwilligendienst leistet, erlischt der Kindergeldanspruch. Eine Ausnahme gilt, wenn Ihr Kind bei der Agentur für Arbeit als ausbildungsuchend gemeldet ist.

Neuer Wehrdienst ab 2026

Seit dem 1. Januar 2026 gibt es in Deutschland ein neues Wehrdienstmodell. Es handelt sich nicht um eine Rückkehr zur allgemeinen Wehrpflicht, sondern um ein Erfassungs- und Einladungsmodell: Alle jungen Menschen erhalten einen Fragebogen, in dem sie ihre Bereitschaft zum Dienst angeben können. Auf Basis der Antworten werden Interessierte zu Musterungen eingeladen. Der Dienst ist freiwillig, die Bundeswehr hofft auf rund 10.000 zusätzliche Rekruten pro Jahr. Für die meisten Schulabgänger ändert sich in der Praxis wenig, aber informieren Sie sich über die aktuellen Regelungen, falls Ihr Kind Interesse am Militärdienst hat.

Wie entscheidet mein Kind?

Die Entscheidung über den Weg nach der Schule muss nicht sofort fallen, und sie muss nicht für immer gelten. Ein Studium kann abgebrochen und durch eine Ausbildung ersetzt werden, das passiert bei rund 28 Prozent aller Studierenden. Eine Ausbildung kann nach dem Abschluss durch ein Studium ergänzt werden. Und ein Freiwilligendienst schliesst weder das eine noch das andere aus.

Nutzen Sie die Berufsberatung. Die Agentur für Arbeit bietet kostenlose Berufsberatung für Schüler und Schulabgänger an. Termine können online oder telefonisch vereinbart werden. Die Beratung ist neutral und unabhängig, sie verkauft keine Studiengänge und keine Ausbildungsplätze.

Besuchen Sie Berufsmessen. Messen wie die Vocatium, die Einstieg oder regionale Ausbildungsmessen bieten die Möglichkeit, direkt mit Unternehmen und Hochschulen ins Gespräch zu kommen. Ihr Kind kann Fragen stellen, Kontakte knüpfen und einen ersten Eindruck gewinnen.

Lassen Sie Ihr Kind entscheiden. Es ist der Weg Ihres Kindes, nicht Ihrer. Beraten Sie, unterstützen Sie, aber drängen Sie nicht. Ein Studium, das Ihr Kind nur macht, weil Sie es so wollen, endet selten gut. Eine Ausbildung, die Ihr Kind mit Begeisterung beginnt, ist mehr wert als ein Studium aus Pflichtgefühl.

Auf schulbewertung.net finden Sie Bewertungen und Erfahrungsberichte zu Schulen in ganz Deutschland. Unsere Ratgeber Mittlerer Schulabschluss: Welche Wege danach? und Berufliches Gymnasium vertiefen einzelne Bildungswege nach dem Schulabschluss.