Kein Abitur nach der Realschule? Das stimmt so nicht. In allen Bundesländern ausser Bayern gibt es Berufliche Gymnasien, die in drei Jahren zur allgemeinen Hochschulreife führen. Der Abschluss ist vollwertig, bundesweit anerkannt und berechtigt zum Studium aller Fachrichtungen an jeder Universität. Für Schüler mit einem guten Realschulabschluss ist das Berufliche Gymnasium einer der attraktivsten Bildungswege in Deutschland, und trotzdem kennen viele Eltern diese Option gar nicht.
Was ist ein Berufliches Gymnasium?
Ein Berufliches Gymnasium ist ein dreijähriger Bildungsgang an einer berufsbildenden Schule, der zur allgemeinen Hochschulreife führt. Es beginnt mit Klasse 11 (Einführungsphase) und endet mit der Abiturprüfung am Ende von Klasse 13. Die Bezeichnung variiert je nach Bundesland: In Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt heisst es Fachgymnasium, im Saarland Berufliches Oberstufengymnasium.
Der entscheidende Unterschied zum allgemeinbildenden Gymnasium: Neben den klassischen Fächern wie Deutsch, Mathematik und Englisch gibt es ein berufsbezogenes Profilfach, das als Leistungskurs geführt wird. Dieses Profilfach gibt dem Beruflichen Gymnasium seine Richtung und seinen Namen.
Klarstellung: Das Abitur am Beruflichen Gymnasium ist identisch mit dem Abitur am allgemeinbildenden Gymnasium. Es steht "Allgemeine Hochschulreife" auf dem Zeugnis, nicht "Fachabitur" oder "fachgebundene Hochschulreife". Sie können damit jeden Studiengang an jeder Hochschule in Deutschland belegen, egal welche Fachrichtung Sie am Beruflichen Gymnasium gewählt haben.
Welche Fachrichtungen gibt es?
Das Angebot unterscheidet sich je nach Bundesland und Standort, aber die häufigsten Fachrichtungen sind:
Wirtschaft: Die am weitesten verbreitete Richtung. Profilfach ist Betriebswirtschaftslehre oder Volkswirtschaftslehre. Zusätzlich werden oft Fächer wie Rechnungswesen, Wirtschaftsinformatik oder Wirtschaftsrecht angeboten. Diese Richtung eignet sich für Schüler, die sich für kaufmännische Zusammenhänge, Management oder ein BWL-Studium interessieren.
Technik: Profilfächer sind je nach Schwerpunkt Maschinenbautechnik, Elektrotechnik, Bautechnik, Mechatronik oder Informationstechnik. Für Schüler, die technisch interessiert sind und ein ingenieurwissenschaftliches Studium anstreben.
Gesundheit und Soziales: Profilfächer sind Pädagogik, Psychologie, Gesundheitswissenschaften oder Erziehungswissenschaft. In NRW kann man in dieser Richtung neben dem Abitur sogar einen Berufsabschluss als Erzieher erwerben (doppelqualifizierender Bildungsgang).
Ernährung: Profilfach ist Ernährungslehre oder Ernährungswissenschaft. Eine Nischenrichtung, die besonders für angehende Ökotrophologen oder Lebensmitteltechnologen interessant ist.
Informationstechnik/Informatik: Eine jüngere Fachrichtung, die stark nachgefragt ist. Profilfach ist Informatik oder angewandte Informatik.
Gestaltung und Medientechnik: Für kreative Köpfe mit Interesse an Design, Medienproduktion oder Kommunikationsdesign.
In Baden-Württemberg gibt es zusätzlich eine sechsjährige Form des Beruflichen Gymnasiums, die bereits ab Klasse 8 beginnt. Für Realschüler ist dafür ein Notenschnitt von 3,0 in Deutsch, Mathematik und Englisch erforderlich.
Welche Voraussetzungen muss ich erfüllen?
Die Zugangsvoraussetzungen sind in jedem Bundesland etwas anders geregelt, aber die Grundlogik ist überall gleich: Sie brauchen einen guten Mittleren Schulabschluss mit der Berechtigung zum Besuch der gymnasialen Oberstufe.
In der Praxis bedeutet das meistens: Realschulabschluss (oder gleichwertiger Abschluss) mit einem Notendurchschnitt, der je nach Bundesland zwischen 2,5 und 3,0 liegt, wobei Deutsch, Mathematik und Englisch in der Regel mindestens "befriedigend" sein müssen. In Sachsen gelten strengere Vorgaben: Durchschnitt 2,5 plus mindestens zweimal "gut" in Deutsch, Mathe, Englisch und einem fachrichtungsbezogenen Fach.
Auch Schüler eines allgemeinbildenden Gymnasiums können ans Berufliche Gymnasium wechseln, zum Beispiel wenn sie sich beruflich orientieren oder einen Neustart an einer anderen Schule wollen. Voraussetzung ist die Versetzung von Klasse 10 in Klasse 11.
In einigen Bundesländern gibt es eine Altersgrenze: In Berlin dürfen Bewerber bei Eintritt nicht älter als 19 Jahre sein (mit Berufsausbildung 21). In Niedersachsen und NRW gibt es keine Altersgrenze, was das Berufliche Gymnasium dort auch für ältere Bewerber interessant macht.
Wie ist das Berufliche Gymnasium aufgebaut?
Klasse 11 (Einführungsphase): Der Unterricht findet im Klassenverband statt, nicht im Kurssystem. Das erleichtert den Einstieg, weil Sie mit einer festen Gruppe starten und nicht sofort zwischen Kursen wechseln müssen. In der Einführungsphase werden die Grundlagen für die Qualifikationsphase gelegt. Noten aus Klasse 11 zählen noch nicht für das Abitur.
Klassen 12 und 13 (Qualifikationsphase): Jetzt beginnt das Kurssystem mit Leistungs- und Grundkursen. Die Noten aus diesen beiden Jahren fliessen in die Abiturnote ein. Das berufsbezogene Profilfach ist immer Leistungskurs. Dazu kommt ein weiterer Leistungskurs aus dem allgemeinbildenden Bereich (Deutsch, Mathematik, Englisch oder eine Naturwissenschaft). Die Abiturprüfung umfasst in den meisten Ländern fünf Fächer: drei schriftlich, zwei mündlich (oder eine Präsentation).
In Deutsch, Mathematik und Englisch sind die Anforderungen und Prüfungsaufgaben identisch mit denen am allgemeinbildenden Gymnasium. Es gibt keinen "leichteren" Abi-Mathe-Stoff am Beruflichen Gymnasium.
Für wen lohnt sich das Berufliche Gymnasium?
Realschüler mit Abitur-Ambitionen: Das Berufliche Gymnasium ist der klassische Weg für Realschulabsolventen zum Abitur. Der Vorteil gegenüber dem Wechsel in die Oberstufe eines allgemeinbildenden Gymnasiums: Am Beruflichen Gymnasium starten alle gemeinsam in Klasse 11, niemand hat einen Vorsprung. Am allgemeinbildenden Gymnasium müssten Sie sich in eine bestehende Klasse einfügen, die seit Klasse 5 zusammen ist.
Gymnasiasten, die sich umorientieren wollen: Wenn Ihr Kind am allgemeinbildenden Gymnasium unglücklich ist, die Schule wechseln möchte oder sich beruflich orientieren will, kann das Berufliche Gymnasium ein Neuanfang sein. Neue Schule, neue Mitschüler, ein Profilfach das wirklich interessiert.
Schüler mit klaren beruflichen Interessen: Wer schon weiss, dass er in Richtung Wirtschaft, Technik, Gesundheit oder IT gehen will, bekommt am Beruflichen Gymnasium drei Jahre lang vertieften Unterricht in genau diesem Bereich. Das ist ein Wissensvorsprung, der im Studium oder in der Ausbildung spürbar ist.
Was sind die Nachteile?
Dauer: Drei Jahre bis zum Abitur (Klassen 11 bis 13) statt zwei Jahre in der Oberstufe eines G8-Gymnasiums. Wer vom G8-Gymnasium kommt, "verliert" ein Jahr. Allerdings nutzen viele Schüler die Einführungsphase in Klasse 11, um Lücken zu schliessen und sich einzugewöhnen.
Zweite Fremdsprache: Für die allgemeine Hochschulreife müssen Sie über mehrere Jahre Unterricht in zwei Fremdsprachen nachweisen. Wenn Ihre zweite Fremdsprache an der Realschule nicht lang genug lief, müssen Sie am Beruflichen Gymnasium eine neue Fremdsprache belegen (meistens Spanisch oder Französisch als Anfängerkurs). Das ist machbar, aber zusätzlicher Aufwand.
Bayern: In Bayern gibt es kein Berufliches Gymnasium. Die Alternative ist die Fachoberschule (FOS), die zur Fachhochschulreife führt, oder die FOS 13, die zur fachgebundenen bzw. allgemeinen Hochschulreife führt. Das System ist anders aufgebaut, das Ergebnis aber vergleichbar.
Anmeldung und Fristen
Die Anmeldung erfolgt in der Regel zwischen Januar und März des Jahres, in dem das Berufliche Gymnasium beginnen soll. Sie brauchen das Halbjahreszeugnis der 10. Klasse und, nach Erhalt, das Abschlusszeugnis. Die konkreten Fristen legen die einzelnen Schulen oder Schulträger fest.
Informieren Sie sich frühzeitig: Besuchen Sie Tage der offenen Tür, sprechen Sie mit Lehrkräften und aktuellen Schülern. Berufliche Gymnasien sind an Berufsbildenden Schulen (Berufskollegs, Oberstufenzentren) angesiedelt, nicht an den bekannten Gymnasien in der Nachbarschaft. Viele Eltern kennen diese Schulen schlicht nicht, obwohl sie exzellente Arbeit leisten.
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